Objekt des Monats Mai 2026 ‒ Schützenkette

Zella-Mehlis verfügt über eine jahrhundertelange Tradition in der Waffenherstellung, die insbesondere durch die Produktion von Handfeuerwaffen geprägt ist. Der Reichtum an Eisenerz, Holz und Wasserkraft sowie das handwerkliche Können der Bevölkerung führten früh zu einer blühenden Büchsenschmiedekunst. Bereits im Dreißigjährigen Krieg wurde der Raum um Suhl, Mehlis und Zella St. Blasii als „Rüstkammer Europas“ bezeichnet. Parallel zur Entwicklung der Waffenproduktion erfolgte auch eine Weiterentwicklung des Schützenwesens, das in diesem Jahr auf eine 500-jährige Tradition zurückblicken kann. Ein besonders eng damit verbundenes und symbolträchtiges Objekt ist eine im Museumsbestand erhaltengebliebene Schützenkette als äußeres Zeichen der Schützenkönige.
Ursprünglich diente das Schießen der Erprobung der hergestellten Waffen, wurde jedoch schnell ein integraler Bestandteil der Verteidigung von Stadt und Land. Schützenordnungen fungierten als Regelwerke, welche die Organisation, die Übungen sowie die Aufgaben der Schützengesellschaften regelten. Neben der Landesverteidigung wurden von diesen auch Sicherungsdienste auf Verkehrs- und Postwegen sowie Aufgaben im Feuerwehrdienst übernommen. Um den militärischen Charakter zu betonen, erfolgte eine Zusammenfassung der Gesellschaften zu Schützenkompanien und die Entlohnung für ihre Dienste, beispielsweise in Form von Schießprämien oder Privilegien. Aus diesen vielerorts eingerichteten sogenannten Schützenkompanien entstanden zum Ende des 19. Jahrhunderts die zum Teil bis heute existierenden Schützenvereine.
Ein Blick in historischen Aufzeichnungen offenbart, dass die Tradition in unserer Stadt bis in das Jahr 1526 zurückreicht. In diesem Jahr verzeichnete die Gemeinde Mehlis hohe Ausgaben für Pulver, Lunte und Blei sowie für die Instandsetzung des Schießhausdaches. Im Jahre 1595 wurde den Mehliser Schützen durch das Amt Hallenberg erstmalig eine Schützenordnung übergeben. Die Schützen widmen sich mit großem Eifer der Übung mit den Waffen, um die Sicherheit des Ortes und die Landesverteidigung zu gewährleisten. Die Aufstellung erfolgt in einer streng militärischen Formation, die unter anderem Offiziere, Hornisten, Musketiere, Fähnriche und sogar einen Chirurgen umfasst.
Am 24. Juli 1709 erteilte Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg an die „Combinierte Schützen-Compagnie zu Zella St. Blasii und Mehlis“ ein Privileg. Der Inhalt umfasst folgende Punkte: Es werden die Pflichten, Schießbestimmungen, Ordnungsvorschriften, Schießprämien sowie das Recht, das sogenannte Vogelschießen durchzuführen, erörtert.
Im Jahr 1862 erfolgte die Gründung des Schützenvereins Zella auf Grundlage des 1861 in Gotha gegründeten „Deutschen Schützenbundes“. In den darauffolgenden Jahren erfolgte die Bildung weiterer Schützenvereine in Zella St. Blasii und Mehlis. Gemäß der vorliegenden Recherchen existieren in unserer Stadt mindestens 17 eigenständige Schützenvereinigungen.

In der Gastwirtschaft von Veit Schilling in der heutigen Peter-Haseney-Straße 32, wurde 1892 die „Schießgesellschaft Fidelia“gegründet. (Foto: Sammlung Dr. Jörg Schilling)
Einer der Vereine, die in diesem Kontext zu berücksichtigen sind und zu dem auch unsere Schützenkette gehört, ist der „Schützenklub Wilhelmstal-Diana“, der im Jahr 1892 in der Gastwirtschaft von Veit Schilling mit dem Namen „Schießgesellschaft Fidelia“ gegründet wurde. Aufgrund strenger Auflagen und der Zurückhaltung des Wirtes wurde bald eine neue Schießstätte gesucht. Diese wurde im Wilhelmstal neu errichtet und erfuhr ihre Vollendung im Spätherbst des Jahres 1904. Darüber hinaus wurde seitens des Vereins der Name „Schützenklub Wilhelmstal“ angenommen.

Das Vereinslokal des „Schützenklub Wilhelmstal-Diana“ im Wilhelmstal.
Die feierliche Einweihung der Anlage erfolgte am 21. Mai 1905. Nach dem Auszug der ehemaligen „Schießgesellschaft Fidelia“ aus dem Schillingschen Lokal erfolgte dort im Jahr 1900 die Gründung der „Schießgesellschaft Diana“. Im Jahr 1909 erfolgte der Beitritt des „Schützenklubs Wilhelmstal“ und der „Schießgesellschaft Diana“ zum Thüringer Zimmerstutzen-Schützenbund und am 23. August 1921 vereinigten sich beide Vereine zum „Schützenklub Wilhelmstal-Diana“.

„Schützenklub Wilhelmstal-Diana“, in der Mitte der Schützenkönig mit der Schützenkette.
Nach 1945 wurde der „Schützenklub Wilhelmstal-Diana“ wie viele andere Vereine aufgelöst. Deren Hinterlassenschaften wurden teils in privaten Sammlungen bewahrt oder fanden den Weg ins Museum. In der heutigen Zeit finden sich immer wieder einzelne Relikte in Antiquariaten, auf Auktionen oder Flohmärkten. Der größte Teil scheint jedoch verloren zu sein.
Ein Objekt, das den Weg in das Museum gefunden hat, ist die Schützenkette des „Schützenklubs Wilhelmstal-Diana“. Sie ist heute in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zu sehen. Die Schützen- oder Königskette setzt sich aus einem Kettenschild mit einer in Eichenlaub gefassten Inschrift zusammen. In der Mitte ist die Bezeichnung „KÖNIG“ zu lesen, umgeben von der Inschrift, welche das Motto der Schützen zum Ausdruck bringt: „ÜB AUG UND HAND FÜR'S VATERLAND“.

Das Kettenschild mit der Bezeichnung „KÖNIG“ und dem Motto: „ÜB AUG UND HAND FÜR'S VATERLAND“.
An dem Schild befinden sich insgesamt 37 Medaillenanhänger in verschiedenster Ausführung, die Namen und Jahre der jeweiligen Schützenkönige sind auf deren Rückseiten eingraviert.

Medaille des Schützenkönigs von 1905/06: Karl Rassmann.
Solche Ketten wurden und werden dem Schützenkönig verliehen und mit den neu hinzukommenden Orden erweitert. Nach allgemeiner Sitte erfolgt die Ernennung des Schützenkönigs in den meisten Schützenvereinen in jährlichen Wettbewerben neu. Die Dauer einer Amtszeit geht in der Regel mit hohen finanziellen Aufwendungen einher. Hierzu zählen die Kosten für die Organisation und die Versorgung der Teilnehmer mit Getränken. In der Konsequenz dessen wurde in zahlreichen Vereinen die Entscheidung getroffen, den zukünftigen Schützenkönig bereits vor dem eigentlichen Wettkampf zu ermitteln. Es ist von essenzieller Bedeutung, dass junge Athleten nicht in finanzielle Schwierigkeiten geraten, nur weil sie unerwartet den Titel gewinnen. Demgemäß findet oft vor dem Wettkampf ein Bewerbungsverfahren statt, in dessen Verlauf sich der Vereinsvorstand für einen der Kandidaten entscheidet.
Beim Schießen wird entweder auf eine konventionelle Zehnerringscheibe geschossen oder es werden Schießscheiben mit Wildmotiven verwendet. In einigen Schützenvereinen wird der König auch durch ein Vogelschießen ermittelt. Beim Königsschießen kommen in der Regel Luftgewehre oder Kleinkalibergewehre zum Einsatz. Neben dem Schützenkönig wird der zweitbeste Schütze häufig „Erster Ritter“ genannt, während der drittbeste Schütze „Zweiter Ritter“ genannt wird. Insbesondere bei Traditionsvereinen kann das Gewicht dieser Königsketten mit der Zeit signifikant ansteigen, bedingt durch die kontinuierliche Vermehrung der Anhängsel. (ls)














