Objekt des Monats Juli 2026 ‒ Schützenpokal

Die derzeitige Sonderausstellung zum 500-jährigen Jubiläum des Schützenwesens in Zella-Mehlis im Stadtmuseum Beschußanstalt wird von den Besuchern gut angenommen und wir haben schon diverse Neuzugänge zum Thema Schützenwesen in Form von Schenkungen erhalten. Einen besonderen Gegenstand, der sich hervorragend als Objekt des Monats eignet, wollen wir im Folgenden näher vorstellen. Es handelt sich um einen sogenannten Römer aus braun-grünem Glas, welches an Waldglas erinnert. Die auf einem Wickel-Fuß sitzende Kuppa, so die fachliche Bezeichnung für die obere Schale eines Trinkgefäßes, ist bemalt und mit einem Goldrand versehen.
Der Begriff „Römer“ bezeichnet ein im 16. Jahrhundert aus dem Waldglas entwickeltes, in Mitteleuropa weit verbreitetes und traditionelles Trinkgefäß für Wein. Die Herkunft des Wortes lässt sich vermutlich auf das lateinische „vitrum romarium“ (römisches Glas) zurückführen, denn das Material, aus dem die Gläser gefertigt wurden, bestand aus Bruchstücken altrömischen Glases, die zur Schmelze in den damaligen Produktionstätten genutzt wurden.
Im 17. Jahrhundert wurde dann der klassische Römer mit geripptem Fußreif, hohlem Schaft und Kuppa gefertigt. Das Gefäß konnte schalen-, apfel-, eiförmig oder bauchig sein. Im 18. Jahrhundert etablierte sich bei den Römern die heute übliche Kuppa als Standardform.
Ab dem 19. Jahrhundert entwickelt sich eine beachtliche Formenvielfalt des Römers. Die Kuppa wurde in der Regel mit Emailmalerei und Glassgravur in einer Vielzahl unterschiedlicher Dekore veredelt. Die bedeutendsten Produktionsstätten für diese im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich in Theresienthal, Wadgassen, Köln-Ehrenfeld und Rheinbach. Eine eindeutige Bestimmung des Herstellungsortes unseres Römers ist aufgrund fehlender Signaturen oder Marken nicht möglich.

Ansicht des Römers mit dem Jubiläumstext.
Die Kuppa unseres Römers ist mit mehreren Motiven bemalt, die einen Aufschluss darüber geben, zu welchem Zweck er hergestellt wurde. Auf einer Seite zeigt er über und unter einer mit Fahnen geschmückten Zielscheibe die Inschrift: „Zur Erinnerung an das 50jährige Jubelfest des Deutschen Schützenbundes Gotha, den 11. Juli 1911.“ Damit ist schon mal klar, dass das Glasobjekt speziell für die mehrtägigen Jubiläums-Feierlichkeiten, vom 8. bis 11. Juli 1911 als Ehrengabe angefertigt wurde. Aktuell kann damit der Deutsche Schützenbund auf nurmehr 165 Jahre einer wechselvollen und erfolgreichen Geschichte zurückblicken. Von den Feierlichkeiten im Jahre 1911 ist auch noch die Fest- und Schießordnung überliefert, aus der hervorgeht, das „… Ein mit fürstlichen und bürgerlichen Stiftungen reich ausgestatteter Gabentempel …“ für die Teilnehmer bereitgestellt wurde. Als Gaben werden u. a. „… erinnerungsreiche Münzen, Löffel und Becher …“ aufgezählt und sicher gehörte auch unser Glaspokal dazu.

Aufruf des Schieß-Ausschusses mit der Einladung zur Jubiläumsfeier vom 8. bis 11. Juli 1911 in Gotha.
Die Wurzeln des deutschen Schützenwesens reichen weit in die Geschichte zurück. Die Gründung von Schützengilden erfolgte primär mit der Intention, Städte und deren Bevölkerung vor den Gefahren der Plünderung, Brandschatzung, Katastrophen und ähnlicher Bedrohungen zu schützen. In vielen Fällen wurde die Bildung dieser Institutionen von den Bürgern selbst initiiert, und auch die Landesherren erkannten den Vorteil eines flächendeckenden Schutzes ihres Landes. Entsprechende Schützenordnungen wurden erlassen, in denen die Rechte und Pflichten der Schützenkompanien und -gilden festgeschrieben wurden. Im Rahmen von Schützentreffen wurden Wettkämpfe abgehalten, die auf die Initiative des Landesherrn hin durchgeführt wurden. Zu diesem Anlass wurden Kleinodien und Preise von ihm gestiftet. Das Schützenwesen erlebte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Blütezeit und wurde zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren vielerorts die gemeinsamen Schießwettbewerbe eingeschlafen und es war auch ein stark sinkendes Interesse zu verzeichnen. Erst mit dem Ende der napoleonischen Fremdherrschaft im Jahr 1815 und den revolutionären Bestrebungen um 1848 herum erlebten die Schützentraditionen eine Renaissance. Es erfolgte die Gründung einer signifikanten Anzahl von Schützenvereinen. Im Sommer des Jahres 1858 wurde bei einer Versammlung von Abgeordneten Thüringer Schützenvereine auf Anregung Albert Sterzings der Beschluss gefasst, erneut ein großes gemeinsames Fest zu veranstalten. In diesem Kontext manifestierte sich zunehmend der Wunsch nach einer Revitalisierung der deutschen Einheit und Nationalstaatlichkeit. Dieser Gedanke wurde schließlich bei der Gründung des Deutschen Schützenbundes am 11. Juli 1861 in Gotha unter der Schirmherrschaft von Herzog Ernst II. während des „Thüringer Turntages“ berücksichtigt. In der Folge erlebte das Schützenwesen in vielen Regionen eine Wiederauferstehung.

Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha um 1880 (Foto: Eduard Uhlenhuth, 1853–1919)
In der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945) schaltete sich der Deutsche Schützenbund, wie fast alle anderen Sportverbände, 1933/34 in vorauseilendem Gehorsam selbst gleich. In der Folgezeit manifestierte sich eine gewisse Widerborstigkeit im Verband gegenüber der NS-Herrschaft, was dazu führte, dass der Deutsche Schützenbund nach den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin zwangsaufgelöst wurde. In der Folge wurde der Sportbetrieb unter dem Dach des nationalsozialistischen Deutschen Schützenverbands bis in die Kriegsjahre aufrechterhalten. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden sämtliche Vereinigungen aufgelöst. Die Neugründung des Deutschen Schützenbundes wurde schließlich im Jahr 1951 in Frankfurt am Main vollzogen. Derzeit repräsentiert er den größten Dachverband für Sportschützen in Deutschland. Gemäß der vorliegenden statistischen Erhebungen weist der Verband eine Mitgliederzahl von circa 1,4 Millionen auf und nimmt damit eine Position unter den fünf größten Sportverbänden Deutschlands ein.

Ansicht des Römers mit dem Porträt Albert Sterzings.
Die andere Seite des Römers ist dem verdienstvollen Gründer und ersten Präsidenten des Deutschen Schützenbundes, Albert Sterzing, gewidmet. Sein Porträt ist mit Lorbeer- und Eichenlaub sowie seinem Namenszug verziert.
Gotthilf Albert Sterzing wurde als zweites von elf Kindern des Amtsphysicus Sterzing am 26. Februar 1822 in Zella St. Blasii geboren.

Geburtshaus Sterzings in der Hauptstraße, es befand sich an Stelle des Parkplatzes neben der Bäckerei Scheidig. (Foto: Stadtarchiv Zella-Mehlis)
Bereits in frühester Kindheit wurde er mit der waffenproduzierenden Industrie und dem damit einhergehenden Schützenwesen der Stadt vertraut gemacht. Durch die Stellung seines Vaters wurde ihm eine gute Ausbildung ermöglicht. In den Jahren 1834 bis 1840 absolvierte er seine Schulbildung am Gymnasium in Gotha. Im Anschluss daran studierte er Rechtswissenschaften in Jena, wo er maßgeblich durch die dortige Burschenschaftsbewegung geprägt wurde. Nach Abschluss seines Studiums war er als Referendar am Justizamt in Zella St. Blasii tätig und leistete auch seinen Dienst als Milizsoldat bei der hiesigen Schützenkompanie. Im Jahr 1848 verließ er seine Heimatstadt und wurde Aktuar am Amt Liebenstein, wo er bis 1854 als Amts- und Gerichtsadvokat arbeitete. Im Anschluss daran nahm er eine Stellung als Amtskommissar in Gotha ein und fungierte später als Staatsanwalt am dortigen Stadtgericht. Ab dem Jahr 1865 bekleidete er die Position des Vorstands des Stadtgerichts in Gotha und wurde schließlich zum Direktor des Landgerichts ernannt. Das Leben Albert Sterzings in Gotha war auch durch seine Tätigkeit im Vorstand der „Altschützengesellschaft“ geprägt.

Albert Sterzing Gründer und erster Präsident des Deutschen Schützenbundes.
Sterzing war es dann auch, der die Idee eines großen Schützenfestes zur Vereinigung der deutschen Schützen hatte. An der Spitze der Organisatoren, unterstützt durch Herzog Ernst II., gelang die Durchführung des Festes. In dessen Verlauf wurde schließlich am 11. Juli 1861 der Deutsche Schützenbund gegründet. Von 1862 an bis zu seinem Tode war Albert Sterzing Präsident des Deutschen Schützenbundes. Er starb am 17. Oktober 1889 in seinem Haus in Gotha. Seine Urne wurde auf dem Friedhof IV in Gotha, seinem Wunsch entsprechend, in aller Stille beigesetzt.

Ehrenwache am Sterzing-Denkmal in Gotha, anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Deutschen Schützenbundes. (Foto: Konrad Elßmann).
Zwei Jahre nach seinem Tod errichtete der Deutsche Schützenbund ihm zu Ehren auf dem Schießstandgelände der Altschützengesellschaft zu Gotha ein Denkmal. Regelmäßig erfolgt hier die Würdigung von Albert Gotthilf Sterzing durch die Schützen. (ls)










