Objekt des Monats September 2026 ‒ Schmelztiegel

Im September 1994 wurden bei Abriss- und Bauarbeiten in der Zellaer Kirchstraße dutzende an Fliegerbomben erinnernde zylindrische Hohlkörper gefunden. Die Herkunft und der ehemalige Verwendungszweck dieser Hohlkörper waren zunächst rätselhaft. Wie aber gleich vermutet wurde, haben diese Zylinder etwas mit einer Gießerei zu tun. Schließlich wurden einige unbeschädigte Exemplare in das damalige Heimatmuseum verbracht und fanden endlich 2002 in der neu gestalteten Ausstellung zur Geschichte der Eisengewinnung und -verarbeitung im heutigen Stadtmuseum Beschußanstalt als wichtiger Sachzeuge zur Industriegeschichte unserer Stadt ihren Platz.

Zeitungsmeldung aus der Thüringer Allgemeinen vom 7. September 1994.

So stellte sich die Fundsituation dar, was zunächst an Weltkriegsmunition denken ließ entpuppte zum Glück sich als harmlose Schmelztiegel.
Nach Recherchen in den folgenden Jahren konnten weitere Erkenntnisse gewonnen werden. Allerdings bleiben noch einige Fragen offen. Es ist nach wie vor nicht genau bekannt, wie diese Objekte an den Fundort gelangt sind, denn eine Gießerei ist für diese Stelle nicht überliefert, aber wer weiß, was weitere Recherchen noch ans Licht bringen.
Eine Recherche in den vorhandenen Adressbüchern aus den Jahren 1913 (Einwohnerverzeichnis der Städte Suhl und Zella St. Blasii 1913) und 1925 (Adressbuch Zella-Mehlis 1925) ergab eindeutig, dass es in beiden Jahren einen Eintrag der Fa. „Gebrüder Decker“ mit dem Standort Oberzella 8 (zwischen Hammerweg und Gießereiweg!) gab. In den späteren Adressbüchern (1928/29) findet sich hierzu kein Eintrag mehr. Wahrscheinlich hatten die Gebrüder Decker in der Zwischenzeit ihr Geschäft aufgegeben, zumal mit der ab 1922 erbauten Gießerei der Mercedes Büromaschinenwerke zwischen „Schöne Aussicht“ und „Köpfchen“ eine modernere Alternative entstand.

Einträge im Adressbuch Zella-Mehlis aus dem Jahre 1925
Wann die Gießerei Decker gegründet wurde haben wir noch nicht genau bestimmen können. Ein von der Gießerei Decker gefertigte Gussplatte für eine „Eduard’s Hütte“, ebenfalls in der Ausstellung zusehen. Sie stammt aus dem Jahr 1866 und belegt, dass die Gießerei zu diesem Zeitpunkt bereits existierte.

Gussplatte für eine „Eduardshütte“ aus der Gießerei Decker, 1866.
Was können uns die Tiegel an Informationen liefern? Unsere Tiegel haben eine bauchig-zylindrische Form, sind ca. 40 cm hoch und haben einen Öffnungsdurchmesser von ca. 15 cm.

Mit Schlacke verkrusteter Tiegel.
Unten sind sie für einen besseren Stand abgeflacht. Die Tatsache, dass sie außen und innen mit mehr oder weniger glasartiger Schlacke verkrustet sind, beweist eindeutig, dass sie unter großer Hitze standen und tatsächlich verwendet wurden. Ein Schriftzug auf der Außenseite des Schmelztiegels gibt einen eindeutigen Hinweis auf den Hersteller: „MORGAN'S PATENT“.ußenseite der Schmelztiegel gibt einen Hinweis auf den möglichen Hersteller: MORGAN’S PATENT.

Schriftzug auf der Außenseite des Tiegels.
Schmelztiegel sind seit der Bronzezeit im Einsatz und im Mittelalter waren sie ein wichtiges Handwerkszeug. Sie wurden zum Metallguss, zur Metallgehaltsprüfung und in der Alchemie verwendet. Tiegel waren Massenware. Man findet sie in Münzwerkstätten, in Goldschmieden und an etlichen anderen Orten. Es war nichts Ungewöhnliches, dass die Handwerker ihre Tiegel selbst herstellten. Bis ins 12. Jahrhundert wurden Schmelztiegel aus Ton und anderen Erden gefertigt. Später entdeckte man die besondere Eignung von hoch hitzebeständigen Mineralen, mit denen der Ton angereichert wurde. Tiegel wie unsere wurden zum Reinigen und Schmelzen von Metallen wie Stahl, Messing oder Bronze verwendet, den eisenhaltigen Schlacken nach, die bei den Tiegeln gefunden wurde, war es wohl Stahl. Die flüssige Schmelze wurde in eine Form gegossen daher müssen sie extremen Temperaturen standhalten und ihren Inhalt mit minimalem Festhalten ausgeben.
Unsere Tiegel wurden nach dem Patent der Morgan-Brüder hergestellt. Die Brüder gründeten 1856 die „Patent Plumbago Crucible Company“ und stellten Tiegel in einer kleinen Fabrik in Battersea, einem Ortsteil im Süden Londons, her.
Dursch die Zugabe von Grafit zu den für die Herstellung verwendeten Tonerden war die entscheidende Verbesserung, die die Eigenschaften von Schmelztiegeln optimierte und einen bedeutenden technologischen Fortschritt in der Gießereitechnologie und Metallurgie bewirkte. Die Vorteile von Grafittiegeln wurden erstmals auf der „Great Exhibition“ in London 1851 präsentiert.
Die Morgans haben kristallinen Grafit in Fässern importiert, vor allem aus der britischen Kolonie Ceylon, heute Sri Lanka. Dann haben sie ihn mit herkömmlichen englischen Tonen gemischt und in Öfen zu Tiegeln gebrannt. Ihre Produkte wurden von den Königlichen Münzprägestätten in London und Indien verwendet und auch an offizielle Münzen in Frankreich und Deutschland exportiert. Im Jahr 1861 wurden ihre Produkte auf einer großen internationalen Londoner Ausstellung prämiert.

Werbeanzeige für die ausgezeichneten und patentierten Schmelztiegel der Morganschen Firma, aus: The Mechanic Magazine von 1864.
Diese Tiegel werden in Tiegelöfen verwendet, um feinste Stahlsorten, Bronze und Messing zu schmelzen. Dabei ist es wichtig, dass die Tiegel nicht der Wirkung der Feuergase ausgesetzt werden. Das Brennmaterial umgibt diesen von außen. Die Wärmeübertragung vom Brennmaterial erfolgt durch die Wände des Tiegels. Der Tiegel wird während des Schmelzens mit einem Deckel verschlossen, um die Einwirkung der atmosphärischen Luft zu verhindern. Der Tiegel wird lose in den Ofen hineingesetzt und mit Handhaben versehen, damit er leicht herausgehoben werden kann.
Die Einrichtung von Tiegelschmelzereien ist sehr verschieden und hängt sehr von den örtlichen Verhältnissen ab. Die Tiegel stehen im Verbrennungsraum. Dieser ist mit Chamottesteinen ausgemauert und hat einen Rost. Darauf liegt das Brennmaterial. Ein Deckel verschließt den Raum. Der zweite Deckel muss luftdicht aufgeschraubt werden. Zwei Abzugskanäle, die gemeinsam in einen besonderen Schornstein führen, können einzeln durch Klappen nach Wunsch reguliert werden.
Zum Aus- und Einsetzen der Tiegel dient entweder ein kleiner Kran mit Flaschenzug oder, wie in unserem Fall eine geeignete Zange zum Anfassen derselben. Ein kleinerer Tiegel unserer Bauart hat einen Inhalt von 30 bis 50 Kilogramm. Es gibt jedoch auch solche, die bis 200 Kilogramm fassen.

Speziell geformte Zange zum Handhaben der Schmelztiegel.

Abbildung eines Tiegelofens aus: E. Praeger, Die Bearbeitung der Metalle, Hannover 1908, (zur besseren Veranschaulichung bearbeitet).

Schmelztiegel bei der Verwendung in einem offenen Schmelzofen (Foto: Jean Beaufort, Public-Domain-Lizenz)
Noch heute werden solche Tiegel für den Metallguss in verschiedensten Größen gefertigt und benutzt und die 1856 gegründete Firma der Gebrüder Morgan gehört nach wie vor zu den führenden Unternehmen in der Branche. Seit der Wende zum 21. Jahrhundert hat die Firma Morgan ihre Aktivitäten neu organisiert, um weiterhin den Bedürfnissen der dynamischen Märkte gerecht zu werden. Im Jahr 2013 wurde der Name in „Morgan Advanced Materials“ geändert, um die weltweit führenden Kompetenzen des Unternehmens in der Materialwissenschaft, der Herstellung und der Anwendungstechnik besser widerzuspiegeln. Unsere Tiegel sind ein Musterbeispiel für die wirtschaftliche und innovative Entwicklung unserer Stadt seit dem 19. Jahrhundert. Damals setzte sie auf neueste Technologien. (ls)















