Objekt des Monats Oktober 2026 ‒ Hamsterwagen

Ein Objekt, gleich im Eingangsbereich der stadtgeschichtlichen Ausstellung, soll heute näher beleuchtet werden. Schon einige Besucher haben gefragt, was das für ein Ding ist und wozu es wohl diente. Es ist ein sogenannter Hamsterhandwagen. Dabei ist es eigentlich nur zu begrüßen, wenn die Menschen mit diesem Begriff nichts mehr anzufangen wissen. Denn dieser Wagen hat leider nichts mit den gleichnamigen putzigen und bedauerlicherweise auch immer weniger werdenden Feldtieren oder den goldigen Hausgenossen zu tun, sondern er hatte einen sehr ernsten Hintergrund.
Unser Ausstellungsstück ist ein kleiner hölzerner Handwagen. Er kann in der Mitte mittels Scharnieren zusammengeklappt werden, die lange Deichsel ist abnehmbar. So in Form gebracht passt der Wagen genau in einen robusten Stoffrucksack mit Ledergurten. Die abnehmbare Deichsel kann man als Gehstock benutzen. Die vollgummibereiften Räder sind aus Holz gedrechselt. Mit beweglicher Vorder- und starrer Hinterachse ist er sehr wendig. Die flache Ladefläche, gebildet aus sieben Latten, misst etwa 70 x 40 cm. Seitlich ist D.R.P.a. eingebrannt, es handelt sich also wohl nicht um einen Eigenbau, sondern ein Industrieprodukt.

Im Rucksack verpackter Hamsterwagen

Ausgeklappter Hamsterwagen
Wieso heißt unser Wagen nun Hamsterwagen? Im 19. Jahrhundert war das Wort hamstern, wie wir es kennen, noch nicht gebräuchlich. Im entsprechenden Band des Grimmschen Wörterbuchs von 1869 hat es keinen Eintrag, sondern wird nur unter "hamsterartig, adj.: die meisten menschen nun haben etwas elster- oder hamsterartiges und sammeln gerne schätze, .. die sie verbergen bestmöglichst." gelistet. Bekannt war damals der "Hamsterschrank", mit dem man in Gegenden Mitteldeutschlands "einen groszen schrank, der ähnlich wie der bau des hamsters in viele fächer eingetheilt ist und eine menge vorräte faszt" bezeichnete.
Erst nach 1900 und explizit im Ersten Weltkrieg etablierte sich der Begriff "Hamstern" im Sinne von Dinge horten/ansammeln, hier besonders Lebensmittel. Das war bitter nötig. Sprichwörtlich ist der sogenannte "Steckrübenwinter" 1916/17 in dem es außer Steckrüben frühs, mittags und abends kaum etwas zu beißen gab. Sie wurden kreativ verarbeitet und sogar getrocknet, geröstet und gemahlen als Kaffeeersatz genutzt. Es blieben aber immer nicht besonders nahrhafte Steckrüben. Schon seit 1915 herrschte Mangel und Lebensmittel wurden mittels Marken rationiert.

Regionale Brot- und Kartoffelkarten im Ersten Weltkrieg.

Satirepostkarte aus dem Jahr 1918
Ersatzprodukte wie Margarine statt Butter fanden ihren Weg in die Küche. 1916 war durch die Krautfäule die gesamte Kartoffelernte ausgefallen. Man schätzt, dass von Sommer 1914 bis Dezember 1918 in Deutschland über 750.000 Zivilisten verhungerten. Die Menschen versuchten mit allen Mitteln an Nahrung zu kommen. Besonders die städtische Bevölkerung war von Hunger betroffen, während sich die Versorgung auf dem Land durch Viehhaltung und den eigenen Anbau von Nahrungsmitteln weniger dramatisch gestaltete. Deshalb unternahmen Menschen Fahrten aus der Stadt ins Umland um Lebensmittel zu organisieren. Wer Wertgegenstände zum Eintauschen hatte tat dies zunächst. Wer nichts hatte, versuchte Eier, Milch oder Grundnahrungsmittel von den Bauern zu erbetteln. Teilweise wurden Getreidereste von den abgeernteten Feldern abgesammelt. Alles was den Magen füllte und genießbar war, wurde gegessen.
Der Hamster galt als Schädling, der die Feldfrüchte einsammelt und hortet. Gleichermaßen galten auch die menschlichen "Hamster" als Schädlinge. Das Plakat „Hamsterin schäme dich“ wurde im Jahr 1939 im Zweiten Weltkrieg entwickelt und vom Reichsprogagandaministerium verbreitet. Teilweise war der Begriff „Hamstern“ schon weit davor in Propagandaschriften antisemitisch besetzt und aufgeladen worden. Bereits recht früh im Zweiten Weltkrieg waren die Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs wieder rationiert. Im Stadtmuseum Zella-Mehlis findet sich eine große Zahl von Konsumgüter- und Lebensmittelmarken sowohl aus dem Ersten, als auch aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie dokumentieren mit wie wenig die Leute auskommen mussten. Die Situation des ersten Weltkriegs wiederholte sich. Auch hier deckten sich Menschen mit Vorräten ein. Besonders gegen Ende des Krieges und den Nachkriegsjahren liefen und fuhren die Menschen von der Stadt aufs Land und überwanden teils große Distanzen, um an Nahrung zu gelangen. Transportiert wurden die Dinge in allem, was man hatte. Unser Hamsterwagen stellt dabei gewissermaßen schon ein Luxusutensil dar, da die beschafften Lebensmittel nicht nur körperlich geschleppt werden mussten, sondern gezogen werden konnten.

Plakat „Hamsterin schäme dich“, herausgegeben von der Reichspropagandaleitung der NSDAP, Entwurf Max Eschle vmtl. 1939
Selbst einige Zeit nach der Gründung der DDR waren dort viele Sachen nur auf Marken erhältlich. Ein Dokument über den Versuch eines illegalen Grenzübertritts eines Zella-Mehlisers dokumentiert vielleicht eine misslungene Hamsterfahrt über die Zonengrenzen hinweg?

Lebensmittelbezugskarte aus dem Jahr 1948

Ordnungsstrafbescheid von 1949 wegen illegalen Grenzübertritts (zum Hamstern?)
In jüngerer Zeit konnten wir das Bevorraten und Horten von Dingen im eigenen Umfeld erleben, oft allerdings mit großen motorisierten Wagen und nicht unbedingt mit Handwagen. Vielleicht zehren heute immer noch Menschen von den Nudeln oder wischen sich mit den Klopapiervorräten ab, die sie sich zu Corona-Zeiten angelegt – nämlich umgangssprachlich „gehamstert“ – haben? (ms)












